Kinoorte
Architektur des Zuschauens
Bevor Kino ein Film ist, ist es ein Ort. Man kauft eine Karte, wartet, passiert ein Foyer und verschwindet in einem Raum, dessen wichtigste Eigenschaft die kontrollierte Dunkelheit ist. Lichtspielhäuser waren Maschinen der Erwartung. Schon das Kassenhäuschen versprach den Übergang: noch Straße, bereits Vorstellung.
Das Bonner Metropol kurz vor seiner Schließung bewahrt diesen Schwebezustand. Sein „Traumfass“ ist kein bloßer nostalgischer Zierrat. Es erinnert daran, dass Kino eine öffentliche Form des Träumens war, mit Architektur, Personal und festen Anfangszeiten. Streaming hat den Film verfügbar gemacht und den Ort abgeschafft. Das Bild bleibt, aber die Schwelle fehlt.
Auch das private Foto kann sich wie ein Filmstill verhalten. Der Tourist vor der Kamera spielt bereits eine Figur, sobald der Ausschnitt ihn aus dem Lebenslauf löst. London 1973 wird zur Szene eines nie gedrehten Films; Antonioni ist nicht gekommen, doch das Bild wartet weiterhin auf seine Handlung. Kinoorte liegen deshalb nicht nur in Gebäuden. Sie entstehen überall dort, wo ein Rahmen aus Anwesenheit eine mögliche Geschichte macht.
Film - Kino - Cinema

Metropol Kino Bonn - kurz vor der Schließung März 2006 - dieses "Kartenhäuschen" ist doch selbst ein Traumfass

Goedart Palm, Beruf Tourist, Film Still, London 1973, allerdings erstaunlicherweise nicht von Antonioni verfilmt
