
Der Held kommt niemals allein, denn schon Achill braucht Homer, Hektor die Mauern Trojas und den Blick derjenigen, die wissen, dass er sterben wird, Odysseus die Erzählung seiner Umwege, der Heilige den Hagiographen, der Feldherr den Triumphzug, der Revolutionär das Plakat, der Fußballer die Zeitlupe und der Superheld die immer wieder neu eröffnete Katastrophe, in der er noch einmal beweisen darf, dass die gewöhnlichen Regeln für ihn nicht gelten. Selbst derjenige, der im entscheidenden Augenblick tatsächlich etwas Außerordentliches tut, wird erst nachträglich zum Helden, wenn eine Gemeinschaft seine Handlung aus dem Kontinuum anderer Handlungen herauslöst, sie vergrößert, erzählt, wiederholt, bebildert und schließlich in eine Form bringt, in der andere sich zu ihr verhalten können. Das Heroische beginnt deshalb nicht dort, wo jemand außergewöhnlich ist, sondern dort, wo Außergewöhnlichkeit sichtbar gemacht, mit Bedeutung aufgeladen und gegen das Gewöhnliche abgesetzt wird. Ein Held ohne Publikum wäre so sinnlos wie ein König ohne Untertanen, ein Märtyrer ohne Erinnerung oder ein Star ohne Blick, weshalb Heroismus weniger eine Eigenschaft von Personen als eine Beziehung zwischen einer Figur und denjenigen ist, die sich an ihr aufrichten, berauschen, erschrecken oder von ihr beleidigt fühlen.
Vor einem Vierteljahrhundert hatte ich diese Verschiebung an einer Figur beobachtet, die gegenüber Achill ausgesprochen schlechte Voraussetzungen für klassische Heroisierung mitbrachte, weil sie weder geboren noch gestorben war und überhaupt keinen Körper besaß: Lara Croft. In meinem damaligen Text „Helden ohne Mythos“ interessierte mich, dass die digitale Heldin gerade deshalb überleben konnte, weil sie sich nicht mehr einer einzigen Ursprungserzählung verdankte, sondern zwischen Computerspiel, Film, Bild, Werbung und Merchandising wanderte, wobei das Medium wechselte, während die Figur als wiedererkennbarer Identifikationsstoff bestehen blieb. Damals erschien diese intermediale Beweglichkeit als eine neue Form der Unsterblichkeit. Heute lässt sich deutlicher sehen, dass darin bereits eine viel grundsätzlichere Veränderung des Heroischen steckte. Der alte Held hatte einen Mythos, der neue Held besitzt eine Schnittstelle. Er muss nicht mehr aus einer einzigen Ursprungserzählung hervorgehen, weil er in verschiedenen medialen Zuständen gleichzeitig existieren kann, wobei seine Identität gerade dadurch stabil bleibt, dass sie fortwährend verändert wird.
Drei Helden vor Troja
Schon die Griechen wussten allerdings besser als viele spätere Heldenfabriken, dass es den Helden nicht gibt. Achill, Hektor und Odysseus sind nicht drei Varianten desselben heroischen Typs, sondern drei verschiedene Antworten auf die Frage, wie ein Mensch das gewöhnliche Maß überschreiten kann. Achill ist der Held der Intensität, derjenige, der das kurze, unvergleichliche Leben dem langen Verschwinden vorzieht und dessen Größe gerade darin liegt, dass er zwischen Ruhm und Dauer nicht vermitteln will. Er ist der reine Überschuss, das heroische Prinzip in seinem gefährlichsten Zustand, ein Mann, dessen Zorn ganze Heere in Bewegung setzt und der in einer bürgerlich eingerichteten Welt entweder unbeschäftigt bliebe oder unverzüglich unter Beobachtung gestellt werden müsste. Hektor dagegen besitzt jene andere Größe, die sich nicht aus dem Begehren nach Unsterblichkeit, sondern aus der Bindung an eine bereits vorhandene Ordnung ergibt. Er weiß, was verloren gehen kann, weil er Frau, Kind, Stadt, Herkunft und Verantwortung besitzt, und gerade deshalb ist sein Gang in den Kampf schwerer als der desjenigen, für den die Schlacht selbst bereits Erfüllung bedeutet. Achill will den Ruhm, Hektor übernimmt das Schicksal, das er lieber vermieden hätte. Der eine ist Held, weil er dem gewöhnlichen Leben nicht genügt, der andere, weil er das gewöhnliche Leben verteidigt, obwohl er weiß, dass er dafür außergewöhnlich sterben muss.
Odysseus schließlich beschädigt die heroische Übersicht. Er gewinnt nicht durch Übermaß an Kraft und auch nicht durch reine Opferbereitschaft, sondern durch métis, durch List, Verwandlung, Verschweigen, Erfinden, Verzögern und jene bemerkenswerte Fähigkeit, im richtigen Augenblick gerade nicht heroisch auszusehen. Er kann sich klein machen, einen falschen Namen nennen, sich verstecken, lügen, warten und den Gegner dazu bringen, gegen eine Wirklichkeit zu kämpfen, die Odysseus erst für ihn konstruiert hat. Achill würde eine verschlossene Tür eintreten, Hektor vor ihr ausharren, Odysseus dafür sorgen, dass jemand anders sie von innen öffnet. Damit gerät schon in der archaischen Welt jene einfache Gleichung ins Wanken, die Heldentum mit sichtbarer Kraft identifiziert. Der erfolgreichste Held muss keineswegs derjenige sein, der am heroischsten erscheint. Odysseus überlebt gerade deshalb, weil er den Heroismus gelegentlich suspendieren kann.
Diese drei Figuren bilden noch heute ein brauchbareres Koordinatensystem des Heroischen als viele theoretische Definitionen. Achill verkörpert das Übermaß, Hektor die Verantwortung, Odysseus die Intelligenz der Umgehung, und keine dieser Formen lässt sich ohne Verlust in die andere übersetzen. Schon deshalb ist eine Gesellschaft verdächtig, die nur einen Heldentyp kennt. Wer ausschließlich Achill verehrt, wird Gewalt mit Größe verwechseln, wer ausschließlich Hektor verlangt, kann Opferbereitschaft zur sozialen Pflicht machen, und wer nur noch Odysseus bewundert, riskiert, Klugheit von Wahrhaftigkeit vollständig abzulösen. Das Heroische bleibt nur interessant, solange seine Typen einander widersprechen.
Der Held als Regelverletzer
Es gehört zu den seltsamsten Eigenschaften des Helden, dass wir von ihm erwarten, was wir im gewöhnlichen Menschen häufig missbilligen würden. Er soll Regeln überschreiten, Grenzen missachten, Gefahren suchen, sich exponieren, den vernünftigen Rückzug verweigern und im entscheidenden Augenblick gerade nicht das tun, was ein vorsichtiger Mensch tun müsste, weshalb Heroismus eine prekäre Nähe zu Größenwahn, Gewalttätigkeit, Selbstzerstörung und sozialer Unverträglichkeit besitzt. Der brave Mensch ist moralisch häufig vorzuziehen, taugt aber erheblich schlechter zum Helden. Achill wäre als Nachbar vermutlich unerträglich gewesen, Odysseus niemandem als Treuhänder zu empfehlen und Herakles benötigt eine beträchtliche Zahl von Toten, bevor seine Arbeiten erledigt sind. Der Held gehört zu jenen kulturellen Figuren, bei denen eine Gesellschaft eine kontrollierte Ausnahme von den Regeln gestattet, die sie selbst benötigt, und gerade deshalb ist er nicht einfach das Gegenbild des Normalen, sondern eine vom Normalen produzierte Ausnahme.
Darin liegt zugleich die politische Gefahr aller Heroisierung, denn die Ausnahme kann vom bestaunten Grenzfall zum Modell des Handelns aufsteigen. Wo der Held die Regeln überschreitet, weil eine außergewöhnliche Situation es verlangt, lässt sich die Überschreitung bewundern. Wo daraus die Vorstellung entsteht, außergewöhnliche Menschen dürften kraft ihrer Außergewöhnlichkeit überhaupt außerhalb der Regeln stehen, verwandelt sich das Heroische in Herrschaftstheologie. Der Weg vom Heros zum Führer ist kulturgeschichtlich kurz genug gewesen, um jede ungebrochene Heroenverehrung verdächtig zu machen.
Und doch verschwindet das Bedürfnis nach der Personalisierung des Außerordentlichen keineswegs. Wir wissen mehr über Systeme als frühere Gesellschaften und erzählen weiter von Personen. Wirtschaftskrisen bekommen Gesichter, politische Bewegungen Führungsfiguren, technologische Umbrüche Gründer, Kriege Generäle, wissenschaftliche Revolutionen Genies. Die Personalisierung ist keine bloße Panne unserer Erkenntnis, sondern eine ihrer ältesten Erzählmaschinen, weil Systeme schwer zu lieben, Institutionen schlecht zu hassen und Strukturen kaum auf einen Sockel zu stellen sind. Der Held gibt dem Unübersichtlichen einen Körper.
Herostratos oder die dunkle Abkürzung zur Unsterblichkeit
Gerade an dieser Stelle muss Herostratos auftreten, denn er ist der philosophisch interessanteste Störenfried jeder Theorie des Heroischen. Der Mann, der den Tempel der Artemis in Ephesos zerstörte, um seinen Namen unsterblich zu machen, ist kein Held, obwohl er die entscheidende Operation der Heroisierung auf geradezu obszöne Weise verstanden hatte. Er wusste, dass Erinnerung nicht notwendig an moralische Größe gebunden ist, sondern zunächst an Sichtbarkeit. Wo der klassische Held eine außerordentliche Tat begeht und deshalb erinnert wird, begeht Herostratos die Tat ausschließlich, um erinnert zu werden. Er dreht die Kausalität um. Nicht die Größe erzeugt den Ruhm, sondern der begehrte Ruhm erzeugt die Tat.
Damit ist Herostratos der Antiheld des medialen Zeitalters lange vor dessen technischer Entstehung, weil er verstanden hat, dass Aufmerksamkeit moralisch blind sein kann. Er benötigt keinen Mythos, keine Gemeinschaft von Verehrern und nicht einmal einen positiven Nachruhm. Es genügt ihm, dass sein Name nicht verschwindet. Die antike Reaktion, seinen Namen gerade deshalb aus der Erinnerung verbannen zu wollen, verschärft die Ironie, denn das Verbot wurde selbst zum Transportmittel seiner Unsterblichkeit. Der Versuch, Herostratos aus dem Gedächtnis zu löschen, gehört inzwischen zu dem, weshalb wir uns an ihn erinnern.
Man kann darin eine dunkle Theorie des Ruhmes erkennen. Der Held sagt: Ich tue etwas, das erinnert werden soll. Herostratos sagt: Ich tue etwas, weil ich erinnert werden will. Zwischen beiden liegt die Frage, ob die Tat den Namen legitimiert oder der Name die Tat nur als Material seiner eigenen Vergrößerung benutzt. Sobald diese zweite Bewegung dominant wird, entsteht eine herostratische Kultur, in der Sichtbarkeit selbst zur Leistung und die Überschreitung umso attraktiver wird, je sicherer sie Aufmerksamkeit produziert.
Die moderne Medienwelt hat diesem Mechanismus eine technische Infrastruktur gegeben, von der Herostratos nicht hätte träumen können. Wer heute die Norm verletzt, erhält nicht notwendig Verbannung, sondern Reichweite. Empörung und Bewunderung unterscheiden sich für das Zählsystem nur unvollkommen, weil beide Klicks erzeugen. Der Skandal besitzt deshalb eine strukturelle Nähe zur Heroisierung, auch wenn sein Gegenstand verachtet wird. Der berühmte Mensch und der berüchtigte Mensch teilen eine entscheidende Eigenschaft: Sie haben die Schwelle des Nichtbeachtetwerdens überwunden.
Herostratos ist deshalb kein kurioser historischer Randfall, sondern der philosophische Schatten des Helden. Beide wollen aus dem Kontinuum des Gewöhnlichen heraustreten, nur dass der Held die Erinnerung durch eine als groß bewertete Überschreitung verdient, während Herostratos die Bewertung selbst für entbehrlich hält. Ihm genügt die Überschreitung als Aufmerksamkeitsmaschine. Das ist die Stelle, an der der Heros zum Influencer seiner eigenen Untat wird.

Tausend Gesichter und dasselbe Gesicht
Joseph Campbells Heldenreise hat eine andere Seite des Problems sichtbar gemacht, indem sie die heroische Erzählung auf eine wiederkehrende Bewegung von Aufbruch, Prüfung, Transformation und Rückkehr bezog. Ihre ungeheure Wirkung auf moderne Erzählkulturen besitzt allerdings eine paradoxe Nebenfolge, denn sobald die Heldenreise als Rezept verfügbar ist, kann man Helden industriell herstellen. Der Mythos wird Dramaturgiesoftware. Film, Serie und Computerspiel verfügen heute über ganze Maschinenräume zur kontrollierten Erzeugung von Berufung, Schwellenüberschreitung, Krise, Absturz und Wiederkehr, und ausgerechnet die Entdeckung einer archetypischen Struktur führt zu deren serieller Fabrikation.
Gerade dort beginnt der Held langweilig zu werden. Wenn jeder Protagonist den Ruf empfängt, die Schwelle überschreitet, seinen Tiefpunkt erleidet und verändert zurückkehrt, bekommt der Held mit tausend Gesichtern tausendmal dasselbe Gesicht. Die moderne Erfindung des Antihelden lässt sich deshalb als Rettungsversuch des Heroischen vor seiner eigenen dramaturgischen Perfektion verstehen. Der traumatisierte Ermittler, der moralisch kompromittierte Superheld, der zynische Einzelgänger und die Figur, die ihrer eigenen Heroisierung misstraut, beseitigen das Heldentum nicht, sondern holen das Risiko in eine Form zurück, die bereits zur Routine geworden war.
Der Antiheld rettet den Helden vor dem Monument.
Die Körper müssen Spuren tragen
Das erklärt zugleich, weshalb makellose Heldenbilder so schnell langweilig werden. Der heroische Körper muss etwas ausgehalten haben. Narbe, Staub, Müdigkeit, zerrissene Kleidung, der beschädigte Körper nach dem Kampf sind keine Nebensachen der Darstellung, sondern beglaubigen den Preis des Außerordentlichen. Ein Held, dem nichts geschehen ist, hat zu wenig riskiert. Der Körper wird zur Buchführung der Gefahr.
Das klassische Denkmal löste dieses Problem auf entgegengesetzte Weise, indem es den Körper gerade durch seine Versteinerung unverwundbar machte. Der lebendige Mensch verschwindet in Bronze, damit die heroische Figur bleiben kann, womit Heroisierung und Mortifikation einen merkwürdigen Pakt schließen. Der Held wird dauerhaft, indem man ihm jene Verletzlichkeit nimmt, aus der seine Größe ursprünglich entstand. Das Monument besitzt deshalb einen eingebauten Defekt. Was vollkommen erstarrt, verliert irgendwann jene Gefährdung, die das Heroische spannend machte. Der bronzene General kann nicht mehr verlieren.
Die moderne Bildkultur holt den verletzlichen Körper zurück. Comic und Film lassen den Helden bluten, Computerspiele lassen ihn sterben und erneut beginnen, Serien zerlegen seine Psyche, soziale Medien produzieren Helden in Echtzeit und warten gleichzeitig auf den Augenblick ihres Sturzes. Der heutige Held steht nicht mehr auf einem Sockel, sondern unter Beobachtung, wobei diese permanente Sichtbarkeit eine neue Forderung erzeugt. Der klassische Held brauchte Distanz, der neue muss Nähe simulieren. Er frühstückt vor Publikum, zeigt seine Verletzung, trainiert, scheitert, entschuldigt sich und kehrt zurück, weil wir ihn gleichzeitig über uns und neben uns haben wollen. Seine Außerordentlichkeit muss glaubwürdig und seine Gewöhnlichkeit sichtbar bleiben.
Der Held der Gegenwart hat daher ein paradoxes Mandat: Ausnahme zu sein, ohne den Eindruck zu erwecken, er halte sich dafür.
Heldenfabriken
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, wer ein Held ist, sondern welche Apparate Heroisierbarkeit erzeugen. Eine außergewöhnliche Tat, die niemand sieht, bleibt zunächst Ereignis. Erst Darstellung, Wiederholung, Auswahl und kollektive Zuschreibung produzieren die heroische Figur. Genau hier hat sich seit meinem alten Lara-Croft-Text die Lage radikalisiert. Die Wanderung einer Figur zwischen Computerspiel, Kino, Werbung und Merchandising erschien 2001 noch als besonders auffällige Mediensymbiose. Inzwischen ist diese Zirkulation der Normalzustand medialer Existenz. Figuren leben gleichzeitig in Filmen, Spielen, Clips, Memes, Kommentaren, Fanproduktionen, algorithmischen Feeds und synthetischen Varianten, wodurch Heroisierung zu einem verteilten Produktionsprozess wird.
Damit verliert auch der Held seinen eindeutigen Autor. Wer hat Lara Croft gemacht? Der ursprüngliche Designer, das Studio, die Spieler, die Schauspielerinnen, die Werbeindustrie, die Fans oder die Generationen, die ihr Bild immer wieder verändert haben? Irgendwann gehört eine heroische Figur niemandem mehr vollständig, gerade weil so viele an ihr arbeiten.
Bei realen Personen ist die Konstruktion kaum weniger komplex. Der Medienheld ist nicht einfach ein Mensch mit einem medialen Abbild, sondern ein hybrides Gebilde aus Körper, Aufnahmen, Erzählungen, algorithmischer Sichtbarkeit, Publikum und den Erwartungen, die auf ihn zurückwirken. Wer zur heroischen Figur wird, existiert gesellschaftlich doppelt. Da ist der Mensch, der morgens Zahnschmerzen haben, müde sein, schlechte Entscheidungen treffen und sich langweilen kann, und daneben die Figur, die bereits anderen gehört.
Heroisierung ist daher immer auch eine Enteignung durch Bewunderung.
Die Maschine des Blicks
Kein Held kann sich allein heroisch machen, obwohl die Gegenwart eine beträchtliche Zahl von Menschen hervorgebracht hat, die genau dies versuchen. Selbstinszenierung liefert Material, die Heroisierung muss von anderen vollzogen werden. Der entscheidende Akt liegt in der Differenzierung einer Tat vom Gewöhnlichen. Jemand rennt in ein brennendes Haus. Dass er einen Menschen rettet, ist zunächst ein Vorgang. Die Erzählung macht daraus: Er ging hinein, obwohl alle anderen herausliefen. Erst dieser Kontrast erzeugt die heroische Spannung. Der Held benötigt das normale Verhalten als dunklen Hintergrund seiner Ausnahme.
Das Publikum bewundert deshalb niemals nur eine Person, sondern trifft zugleich eine Aussage über sich selbst, weil die Wahl eines Helden offenlegt, welche Form von Grenzüberschreitung eine Gesellschaft für bewundernswert hält. Achill sagt etwas anderes über eine Kultur als Hektor, Odysseus etwas anderes als der Märtyrer, der Wissenschaftler, der Widerstandskämpfer oder der Unternehmer. Der Held ist ein gesellschaftlicher Testkörper, an dem sichtbar wird, welche Form von Übermaß eine Gemeinschaft liebt.
Und gelegentlich erschrickt eine Gesellschaft über die Helden, die sie selbst erzeugt hat.
Herostratos ist dabei die äußerste Warnfigur. Eine Gesellschaft, deren Aufmerksamkeitsordnung Grenzüberschreitung unabhängig von ihrem Inhalt belohnt, wird ihre eigenen Herostraten produzieren und sich anschließend verwundert fragen, weshalb Menschen Zerstörung als Weg zur Sichtbarkeit wählen. Wo Aufmerksamkeit knapp und Reichweite messbar wird, kann selbst Ablehnung zur perversen Form der Heroisierung werden.
Der Held ohne Original
Lara Croft war dafür rückblickend eine erstaunlich gute Versuchsanordnung, weil sie nie sterben musste, da sie nie gelebt hatte. Sie konnte in jedem Medium einen anderen Körper annehmen, ohne ihre Identität vollständig zu verlieren. Heute lässt sich diese alte Beobachtung wesentlich weiter treiben, denn der kommende Held benötigt womöglich überhaupt kein biologisches Original mehr.
Eine künstlich erzeugte Figur kann Bilder, Geschichten, Stimmen, Erinnerungen und Varianten besitzen, ohne dass irgendwo hinter ihnen ein ursprünglicher Körper verborgen wäre. Die klassische Logik der Darstellung kehrt sich damit um. Früher gab es zuerst den Menschen und anschließend sein Bild. Jetzt kann es zuerst das Bild geben, aus dem allmählich eine Person entsteht.
Der synthetische Held wäre damit weniger die Abschaffung als die Vollendung einer sehr alten Tendenz des Heroischen, denn Helden waren ohnehin nie mit ihren biologischen Trägern identisch. Achill ist nicht ein rekonstruierbarer griechischer Krieger, Jeanne d’Arc nicht einfach die historische Person, Che Guevara nicht der Mann auf dem berühmten Foto, und auch die Stars des 20. Jahrhunderts sind von ihren medialen Doppelgängern längst nicht mehr zu trennen. Die künstliche Figur überspringt lediglich jenen biologischen Anfang, den alle anderen Heroisierungen nachträglich überwuchern mussten.
Der Held war immer schon künstlicher als der Mensch.
Der falsche Verdacht gegen das Heroische
Die moderne Kritik des Heroischen hat dafür gute Gründe. Heroenkult kann Autorität personifizieren, Gewalt ästhetisieren, politische Komplexität in Führerfiguren auflösen und gesellschaftliche Probleme dadurch verschleiern, dass man ihre Lösung vom außergewöhnlichen Individuum erwartet. Das 20. Jahrhundert hat hinreichend demonstriert, wohin eine Politik führen kann, die das Außerordentliche nicht mehr begrenzen, sondern organisieren will.
Und dennoch wäre eine vollständig entheroisierte Welt nicht notwendig eine bessere, denn im Helden steckt neben Macht, Pathos und Übertreibung noch eine andere Figur, nämlich die Vorstellung, dass ein Mensch mehr tun kann, als von ihm verlangt werden darf. Es gibt Handlungen, deren moralischer Wert gerade darin liegt, dass sie nicht geschuldet sind. Niemand kann vernünftigerweise verlangen, dass ein Mensch sein Leben für einen Fremden riskiert. Gerade deshalb bekommt die freiwillige Tat ihren Glanz.
Hier erscheint Hektor in einem anderen Licht. Er ist nicht deshalb groß, weil er keine Pflicht besäße, sondern weil Pflicht, Liebe, Todeswissen und Aussichtslosigkeit in ihm auf eine Weise zusammenkommen, die aus der bloßen Pflichterfüllung etwas anderes macht. Achill überschreitet den gewöhnlichen Menschen nach oben, Hektor trägt das gewöhnliche Menschliche bis an seine äußerste Grenze. Odysseus wiederum zeigt, dass Rettung gerade dort heroisch werden kann, wo sie auf die große Geste verzichtet.
Darauf lässt sich keine Gesellschaftsordnung bauen. Eine Gesellschaft, die permanent Heroismus verlangt, ist bereits schlecht eingerichtet. Wo Pflegekräfte, Feuerwehrleute, Soldaten, Ärzte, Lehrer oder Eltern dadurch geehrt werden, dass systematische Überforderung als Heldentum bezeichnet wird, kann das Lob zur zynischen Entlastung der Institution werden. Wo der Heroismus einzelner permanent benötigt wird, sollte man nachsehen, was an der Ordnung nicht funktioniert.
Der Held darf nicht zum Ersatzteil einer defekten Gesellschaft werden.
Wir lieben auch die falschen Helden
Noch komplizierter wird die Sache dadurch, dass Außerordentlichkeit moralisch indifferent bleibt. Die Geschichte ist voller Menschen, die bewundert wurden, weil sie Grenzen überschritten, obwohl gerade diese Überschreitung verbrecherisch war. Das Heroische besitzt keine eingebaute Ethik.
Der Gangster kann heroisiert werden, der Revolutionär und der Diktator, der Hacker, der Pirat, der Krieger, der Selbstzerstörer und schließlich Herostratos, der die Logik des Ruhms auf ihren nackten Kern reduziert. Der Held fasziniert bereits deshalb, weil er die gewöhnliche Begrenzung durchbricht, während die moralische Bewertung dieser Überschreitung erst danach erfolgt und gelegentlich völlig ausbleibt.
Das erklärt die strukturelle Nähe von Held und Bösewicht in der modernen Populärkultur. Je interessanter der Bösewicht wird, desto schwerer lässt sich entscheiden, wer eigentlich die heroische Energie einer Geschichte trägt. Der perfekte moralische Mensch kann dramaturgisch unerträglich langweilig werden, während der Regelverletzer wenigstens Handlung erzeugt.
Der Held hat daher einen Schatten, der ihm strukturell ähnlicher ist als der brave Bürger.
Achill und sein Gegner überschreiten Grenzen, Odysseus und der Betrüger verwenden dieselben Instrumente der List, der Revolutionär und der Terrorist können von verschiedenen Gemeinschaften mit denselben Bildern versehen werden, und Herostratos zeigt schließlich, dass sogar die völlige moralische Negation noch die Form heroischer Sichtbarkeit annehmen kann.
Erst die Erzählung entscheidet, welche Überschreitung Glanz und welche Schande erhält.
Das Museum der gefallenen Helden
Man müsste sich eine Halle vorstellen, in der alle Helden nach ihrem Gebrauch abgestellt werden, keine Walhalla und kein Pantheon, sondern ein gigantisches Depot, in dem Achill neben Lara Croft steht, Hektor in einer Ecke auf den letzten Zug wartet, Odysseus vermutlich längst einen Ausgang gefunden hat, der Revolutionär neben dem Fußballer, der Heilige neben dem gescheiterten Astronauten und der Superheld beschädigt an einer Wand lehnt, während Monumente ihre Köpfe verloren haben, Rüstungen in Vitrinen rosten und an manchen Sockeln niemand mehr weiß, wem sie einmal gehörten. Irgendwo sollte auch eine leere Vitrine für Herostratos stehen, denn schon seine Ausstellung wäre der Sieg, den er gesucht hat.
Das wäre die eigentliche Geschichte des Heroischen, nicht der ununterbrochene Aufstieg großer Gestalten, sondern der Wechsel von Erhebung, Verehrung, Gebrauch, Umdeutung und Entwertung. Jede Gesellschaft produziert ihre Helden und hinterlässt der nächsten Generation die peinliche Aufgabe herauszufinden, was mit ihnen anzufangen ist. Manche werden vergessen, manche gestürzt, manche in entgegengesetzte politische Lager übernommen, manche kehren zurück, nachdem ihre historischen Gegner verschwunden sind, und einige lösen sich vollständig von der Person, die ihnen einmal zugrunde lag, um als reine Bildformeln weiterzuleben.
Der Sturz des Helden widerlegt deshalb die Heroisierung nicht, sondern gehört zu ihr, denn auch das gestürzte Denkmal bestätigt noch, dass hier einmal eine Figur stand, an der eine Gemeinschaft ihre Vorstellung des Außergewöhnlichen befestigt hatte.
Helden nach dem Helden
Was bleibt, wenn wir dem Mythos nicht mehr ungebrochen glauben, die große Persönlichkeit nicht mehr für den Motor der Geschichte halten, die Heldenreise als dramaturgisches Verfahren durchschauen, die Medienmaschine hinter der Ikone erkennen und wissen, dass selbst der authentischste Held hergestellt wird? Erstaunlich viel, denn die Entdeckung der Konstruktion zerstört deren Wirkung nicht. Wir wissen, dass Kino gemacht ist, und erschrecken trotzdem, dass Geld eine institutionelle Vereinbarung ist, und werden nervös, wenn wir keines besitzen, dass Flaggen gefärbter Stoff sind, und erleben, was Menschen ihretwegen tun. Künstlichkeit war niemals das Gegenteil gesellschaftlicher Realität.
Dass Helden gemacht werden, bedeutet deshalb nicht, dass sie unwirklich wären, sondern dass wir Verantwortung dafür tragen, wen wir machen. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr, welche großen Männer oder Frauen Verehrung verdienen, sondern welche Form menschlicher Überschreitung wir sichtbar machen wollen und was diese Auswahl über uns selbst sagt.
Achill, Hektor und Odysseus stellen diese Frage bis heute. Wollen wir denjenigen, der alles riskiert, um größer zu sein als sein Leben, denjenigen, der bleibt, obwohl der vernünftige Mensch gehen würde, oder denjenigen, der überlebt, weil er erkennt, dass auch die heroische Regel gelegentlich gebrochen werden muss? Keine dieser Figuren lässt sich endgültig zur richtigen erklären, und gerade deshalb bleiben sie produktiv. Eine Kultur, die Achill ohne Hektor verehrt, verliert die Verantwortung, eine, die Hektor ohne Odysseus verehrt, macht das Opfer zur Pflicht, und eine, die Odysseus ohne beide übrig lässt, könnte am Ende jede Bindung in Strategie verwandeln.
Der heroische Mensch des 21. Jahrhunderts könnte daher gerade nicht mehr derjenige sein, der möglichst viele Gegner besiegt, am höchsten steigt oder am lautesten seine Ausnahme behauptet. Heroisch wäre unter bestimmten Bedingungen vielmehr derjenige, der auf eine Macht verzichtet, die er benutzen könnte, eine Eskalation abbricht, die ihm Beifall brächte, einen Wettkampf verlässt, dessen Sieg nur die falsche Regelordnung bestätigt, oder eine Situation aushält, in der alle von ihm den großen Auftritt erwarten und das Richtige gerade darin besteht, ihn zu verweigern.
In einer äußersten, fast schon paradoxen Gestalt erscheint dieser Held in Alejandro Jodorowskys El Topo, wo die Logik des Westernhelden so weit getrieben wird, bis sie sich gegen ihren Träger selbst kehrt. Der Schütze, der alle anderen bezwingen kann, gelangt an den Punkt, an dem ihm kein äußerer Gegner mehr bleibt und die heroische Überlegenheit deshalb ihre eigene Voraussetzung vernichten muss. Der letzte Gegner ist er selbst. Darin liegt mehr als die bekannte moralische Pointe, dass Gewalt am Ende auf den Gewalttätigen zurückfällt. Jodorowsky führt die heroische Steigerungslogik ad absurdum, weil derjenige, der seine Existenz darauf gegründet hat, jeden Gegner übertreffen zu können, im Augenblick vollkommener Überlegenheit gerade seine heroische Identität verliert. Solange noch ein Gegner vor ihm steht, funktioniert Achills Welt. Ist der letzte besiegt, muss der Held entweder aufhören, Held zu sein, oder sich selbst zum Gegenstand seiner letzten Überwindung machen. Der vollendete Schütze wird damit zugleich sein eigener Bezwinger, und gerade diese Selbstaufhebung führt weiter als die gewöhnliche Figur des Siegers, denn sie setzt an die Stelle des Triumphs die Fähigkeit, dasjenige in sich selbst zu vernichten, was den Triumph überhaupt noch benötigt. Der äußerste heroische Akt wäre dann nicht mehr die Vernichtung des anderen, sondern die Unterbrechung jener Maschine, die fortwährend neue Gegner braucht, um sich ihrer eigenen Größe zu versichern.
Von hier aus verändert sich auch der Blick auf jene Helden, deren Außerordentlichkeit gerade nicht auf physischer Überlegenheit, Unverwundbarkeit oder vollkommener Leistungsfähigkeit beruht. Der beeinträchtigte Held ist keineswegs lediglich eine modernisierte Variante des alten Helden, dem man aus Gründen der Repräsentation nun auch ein Handicap zugesteht, sondern stellt die klassische Grammatik des Heroischen selbst infrage. Wo der traditionelle Körper des Heros Stärke sichtbar machen sollte, wird nun die Begrenzung zum Bestandteil der heroischen Situation. Eine körperliche, sensorische oder psychische Beeinträchtigung ist dabei nicht deshalb heroisch, weil sie überwunden werden müsste, als wäre der Held erst dann vollwertig, wenn er sich trotz seines Handicaps wieder möglichst weit dem normierten Körper annähert. Gerade diese Vorstellung würde das alte Ideal nur restaurieren. Interessanter wird die Figur dort, wo das Handicap die Bedingungen des Handelns selbst verändert und der Held nicht gegen seine Beeinträchtigung heroisch wird, sondern mit ihr, durch sie und innerhalb einer Welt, deren Regeln für einen vermeintlich vollständigen Körper entworfen wurden. Der Blinde sieht nicht metaphorisch plötzlich besser, der körperlich Versehrte muss nicht heimlich zum unversehrten Athleten werden und der psychisch beschädigte Held wird nicht dadurch groß, dass seine Beschädigung am Ende verschwindet. Heroisch kann vielmehr werden, dass Handlungsmacht gerade unter Bedingungen entsteht, unter denen das klassische Heldenbild sie nicht vorgesehen hatte.
Damit verschiebt sich der Heroismus von der souveränen Verfügung über den eigenen Körper zur Auseinandersetzung mit einer Grenze, die nicht einfach beseitigt werden kann. Achill ist heroisch, weil sein Körper fast alles vermag und dennoch sterblich bleibt. Der beeinträchtigte Held beginnt von der entgegengesetzten Seite, weil die Grenze nicht als fernes Ende seiner Stärke, sondern als konkrete Bedingung seines Handelns anwesend ist. Aus dieser Differenz entsteht eine andere Form des Außerordentlichen, die weder Mitleid noch kompensatorische Bewunderung benötigt. Sie besteht gerade darin, dass ein Mensch unter Bedingungen handelt, die seine Möglichkeiten real begrenzen, ohne diese Grenze zum vollständigen Begriff seiner Person werden zu lassen. Der Heroismus liegt dann nicht im Sieg über den defizitären Körper, sondern in der Verweigerung der Gleichsetzung von Begrenzung und Bedeutungslosigkeit.
Insofern berühren sich der letzte Schütze aus El Topo und der beeinträchtigte Held an einer unerwarteten Stelle. Der eine muss seine Überlegenheit zerstören, weil sie ihn gefangen hält, der andere widerlegt bereits durch sein Handeln die Voraussetzung, Überlegenheit sei überhaupt die notwendige Form heroischer Existenz. Beide entziehen dem klassischen Heros sein einfachstes Privileg, nämlich die Vorstellung, Größe müsse sich als Steigerung von Kraft darstellen. Der eine wird heroisch, indem er die Maschine seiner eigenen Sieghaftigkeit gegen sich selbst richtet, der andere, indem er zeigt, dass die heroische Handlung keines vollkommenen Körpers bedarf. So ließe sich das Heldische des 21. Jahrhunderts noch genauer bestimmen: nicht als immer weitere Überbietung menschlicher Möglichkeiten, sondern als Fähigkeit, die Bedingungen des eigenen Handelns so weit zu durchschauen, dass selbst Begrenzung, Verzicht und Selbstaufhebung zu Formen des Außerordentlichen werden können.

Der Held der Gegenwart müsste lernen, nicht immer heroisch auszusehen.
Wer schaut nach oben?
Und dennoch werden wir sie weiter produzieren, diese übergroßen Gestalten, nicht notwendig, weil wir ihnen gehorchen wollen, sondern weil Menschen Schwierigkeiten damit haben, Werte ohne Körper zu denken. Mut braucht ein Gesicht, Verrat bekommt eines, Widerstand, Schönheit, Opfer, Rebellion und selbst das Böse werden an Figuren erinnerbar. Der Fehler beginnt daher nicht mit dem Helden, sondern dort, wo wir vergessen, dass wir ihn vergrößert haben.
Das geeignetste Bild des Heroischen wäre heute deshalb weder das makellose Denkmal noch der Sieger auf dem Podest, sondern ein Mensch in einer riesigen, halb verfallenen Halle, der zwischen den beschädigten Statuen früherer Helden hindurchgeht und erkennt, wie jede Epoche ihre übermenschlichen Körper zurückgelassen hat, manche schön, manche lächerlich, manche erschreckend und keinen Sockel dauerhaft besetzt. In einer anderen Halle leuchten bereits neue Gesichter auf den Wänden, produziert in Echtzeit von einer Menge, die ihre Helden auswählt, bevor sie weiß, was sie mit ihnen anfangen wird.
Draußen wartet diese Menge und blickt nach oben. Sie sucht ein Gesicht und wird eines finden, weil die alte Maschine noch immer funktioniert. Die eigentliche Frage lautet nur, ob sie Achill, Hektor, Odysseus oder Herostratos erkennt, wenn er vor ihr steht, und ob sie noch unterscheiden kann zwischen dem Menschen, der eine außerordentliche Tat vollbracht hat, und demjenigen, der die Tat nur deshalb vollbringt, weil er verstanden hat, wie zuverlässig das Außerordentliche Aufmerksamkeit erzeugt.
Denn in einer Gesellschaft, die Sichtbarkeit mit Bedeutung verwechselt, ist Herostratos kein Gegenbild des Helden mehr.
Er ist dessen gefährlichster Konkurrent.