
Zwischen Aliteralität und "scannendem" Lesen
Noel Gallagher von "Oasis" soll mit Zladko, dem im
Medienabseits verschollenen Big Brother der ersten Containerstaffel, gemeinsam haben, nie
ein Buch gelesen zu haben. Wer sich so brüstet, kann gleichermaßen auf Beifall
gequälter Pennäler wie auf Verachtung bis Mitleid seitens Bildungsbeflissener rechnen.
Danach dürften Gallagher und Zladko auch nicht den griechischen Mythos des König Cadmus
kennen, der mit der Einführung der phonetischen Schrift Drachenzähne gesät haben soll,
die sich in bewaffnete Männer verwandelten. Schreiben und Lesen, kurzum die magischen
Künste des Alphabets, können nicht nur diesem Mythos zufolge als die tief greifendsten
Welterschließungs- und Beherrschungstechniken gelten, die zur Ausbildung der uns
geläufigen Schriftkultur führten.
Das Abendland hat verschiedene Untergangsvisionen und als eine davon
gilt der Verlust der Literalität im hemmungslosen Einbruch elektronischer Medien, die
Schrift, Sprache, Töne und Bilder in ihren hektischen Signalwelten kurzschließen. Für
Marshall McLuhan dagegen war es klar, dass die Menschheit die Gutenberg-Galaxis
unwiderruflich verlässt, um brüderlich "Nichtalphabeten mit Halbalphabeten und
Nachalphabeten" in den elektrischen Medien zu vereinigen (Die magischen Kanäle,
Originalausgabe 1964, Düsseldorf 1992, S. 27).
Der unverschuldete Ausgang des Menschen aus der Literalität
(weiterführend: http://www.literalitaet.ch/home.htm) in eine technologisch eingebettete
Welt, die ihre schon je fragile Unterscheidung von Realität und Virtualität vollends
aufgeben könnte, macht freilich Angst. Vor allem denen, die mit einem unglücklichen
Begriff der Leseforschung als "tertiäre Analphabeten" bezeichnet werden:
Menschen, die keine ausreichende Medienkompetenz besitzen, um mit den neuen
Kulturtechniken des Computers und Internets umzugehen.
Aliteralische Unzeitgenossen
Der bildungsbürgerliche Griff zum guten Buch wird kulturapokalyptisch
als archimedischer Hebel überhöht, um die Schriftkultur vor ihrem Einsturz zu bewahren.
So beklagt der Kommunikationswissenschaftler Philip A. Thompsen
(http://communication.wcupa.edu/faculty/thompsen/) von der "West Chester
University" in Pennsylvania einer von vielen - die wachsende
"Aliteralität" bei amerikanischen Schülern und Studenten. Trotz der im
Einzelfall mitunter bestehenden Abgrenzungsprobleme ist Aliteralität nicht mit
Illiteralität zu verwechseln, denn aliterale Zeitgenossen haben schlicht kein Interesse
an Schriftzeichen, obwohl ihnen die Kulturtechnik "Lesen" prinzipiell zur
Verfügung stünde. Da die Kultur in der Sprache eingebaut sei, befürchtet Thompsen mit
vielen anderen Kritikern der neuen Leseschwächen, dass sich diese aliteralen Lesemuffel
das kulturelle Erbe nicht aneignen könnten also untauglich seien, sich in dieser
Welt zu orientieren.
Nun lässt sich der Umgang mit neuen und neuesten Medien zuletzt auf
eine geschlossene Kulturtechnik und schon gar nicht auf das Nichtlesen reduzieren. Die
visuellen Reizwelten des Fernsehens oder die auditiven des Radios sind nicht mit den
Anwendungsprofilen des Computers oder Internets zu verwechseln. Gerade das Netz wächst
mit babylonischen Textmassen zu, die mehr denn je zum Lesen zwingen. Email und selbst das
allgegenwärtige Chatten wider dessen Selbstbeschreibung als Gespräch sind
Momente einer neuen elektronischen Schrift- und Lesekultur. Freilich sind die Differenzen
etwa zwischen der elaborierten Briefkultur des 18.Jahrhunderts und diesen digitalen
Verschriftlichungen so gravierend, dass die Frage nach der literalen Kompetenz
verschiedene Schrift- und Lesetypen unterscheiden muss.
Der Kulturkritiker Barry Sanders konstatiert bereits 1994 in "Der
Verlust der Sprachkultur" (Frankfurt/M, 1995), dass die Mehrzahl der amerikanischen
Kinder heute in einer Umgebung aufwächst, aus der die Sprache getilgt sei. Auch Neil
Postmans Menetekel über die Kulturdemontage durch das Fernsehen und den Verfall der
Lesefähigkeit ist bekanntlich von der Wehmut nach einer linearen Weltaneignung geprägt.
Nach einer Gallup Erhebung aus dem Jahre 1999 sind lediglich 7 % der Amerikaner
unersättliche Leser, die mehr als ein Buch pro Woche lesen. Etwa 59 % erklärten dagegen,
dass sie in einem Jahr weniger als zehn Bücher gelesen hätte das ist immerhin die
doppelte Anzahl von Büchern, die der bundesrepublikanische Durchschnittshaushalt nach
einer älteren Untersuchung an Büchern überhaupt besitzt. Die Zahl der Nichtleser steigt
in den USA seit zwanzig Jahren kontinuierlich an. Besonders prekär ist der Hinweis der
"Organization for Economic Cooperation and Development" aus dem Jahre 1998,
dass 50% der arbeitsfähigen Bevölkerung Amerikas nicht die literalen Eigenschaften
besitzt, um in modernen Wirtschaftsunternehmen erfolgreich zu arbeiten. Das Herrschafts-
und Erfolgsargument zu Gunsten der Lesekompetenz bleibt also trotz oder gerade wegen der
Ausblicke in eine elektronische Kultur erhalten. In Deutschland liegt nach Schätzungen
der deutschen UNESCO-Kommission aus den Neunzigerjahren die Analphabetenrate zwischen
0,75% und 3% der Bevölkerung. Eine aktuelle empirisch-statistische Studie mit exaktem
Zahlenmaterial existiert nicht, da seit 1912 die Schreib- und Lesekompetenz der deutschen
Bevölkerung nicht mehr untersucht wurde.
Von deutsche Leselöwen und -mäusen
Die Stiftung Lesen (http://www.stiftunglesen.de/index_html.html) hat
aber jüngst auf Initiative des Bundesministeriums in Kooperation mit dem Börsenverein
des deutschen Buchhandels (http://www.boersenverein.de/) 2530 repräsentativ ausgewählte
Deutsche ab 14 Jahren durch das IFAK-Institut persönlich zu ihren Lesegewohnheiten
befragen lassen. 41 % der 2530 Befragten nutzen mindestens einmal pro Woche Bücher,
weitere 18 % kommen lediglich ein- oder zwei Mal im Monat dazu. Seltener als einmal im
Monat lesen 13 % der Befragten ein Buch, während die restlichen 28 % überhaupt nicht zu
Büchern greifen. Im Vergleich zu den Resultaten einer vergleichbaren Studie aus dem Jahre
1992 bedeutet dies einen erheblichen Rückgang der Leseintensität. 1992 gab es immerhin
noch einen Anteil von täglichen Buchlesern von 16 %, während diese Gruppe im Jahre 2000
auf sechs % geschmolzen ist. Der Anteil der Nichtleser hat sich in dieser Zeitspanne von
20 % auf 28 % erhöht.
Insgesamt hat sich die durchschnittliche Nutzungsdauer von Büchern
reduziert. Die Studie unterscheidet dabei zwischen Sach- und Fachbüchern sowie
Belletristik. Der Durchschnittswert für die Sach- und Fachbuchnutzung betrug noch 1992 an
einem Werktag eine Stunde und elf Minuten, die sich im Jahre 2000 auf 55 Minuten
reduzierten. Ähnliche Ergebnisse gelten für die durchschnittliche Belletristiklektüre.
Am Wochenende gönnen sich die Deutschen zwar etwas mehr Zeit für die Lektüre, aber auch
hier sind Rückgänge zu verzeichnen. Allerdings reduzierten sich auch die täglichen
Zugriffe auf das Fernsehen in dem Vergleichszeitraum um zehn Minuten auf zwei Stunden und
31 Minuten. Das TV bleibt also das Königsmedium der Gesellschaft. Die Gegenläufigkeit
von Fernsehen und Lektürekonsum ist wenig erstaunlich. Besonders interessant sind die
Zusammenhänge zwischen Netzgebrauch und Buchlektüre: 22,0 % der täglichen Internet-User
lesen zugleich täglich in Sach- und Fachbüchern. Nur 11,0 % dieser Gruppe tut dies
seltener als einmal im Monat. Von den Netzabstinenten oder Gelegenheitsusern lesen
lediglich 2,2 % täglich, aber "horrende" 58,1 % dieser Gruppe lesen weniger als
einmal im Monat in Sach- und Fachbüchern. Die Gruppe der täglichen Online-Aktivisten
weist also im Vergleich zu den offline lebenden Zeitgenossen einen sehr viel höheren
Anteil an täglichen Sach- und Fachbuchlesern auf. Lektüre und Computer ergänzen sich
mithin. Zudem hat die Studie festgestellt, dass häufige PC-Nutzung zwar nicht unbedingt
zum häufigen Lesen von Belletristik prädestiniert, umgekehrt ist das aber umso häufiger
zu beobachten. Fazit der "Ehrenrettung" der Computernutzer: Medienkompetenz
gegenüber dem Rechner impliziert Lesekompetenz. Wolf-Michael Catenhusen,
parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung
bestätigte daher in seinem Grußwort zum Kongress der Stiftung Lesen "Gutenbergs
Folgen" im Herbst 2000 die Lesefreunde: "Da die Anforderungen an unsere
Medienkompetenz in Zukunft noch wachsen werden, muss, wie aus international vergleichenden
Studien hervorgeht, auch das Niveau der Basis- und Schlüssel-Qualifikation Lesen
tendenziell höher werden. Es erweist sich also, dass die "alte" Kulturtechnik
Lesen geradezu zur Eintrittskarte in die Computergesellschaft wird."
Der "scannende" Leser
Aber wie lange gilt das wirklich noch? Jenseits der Zahlen und der
Hoffnung auf den kulturellen Schulterschluss von neuen und alten Medien stellt sich die
Frage nach den Lektüregewohnheiten der neuen Leser. William Albert vom "Terra Lycos
Portal Design Lab" in Waltham, Massachusetts, attestiert dem Typ des Internetlesers
eine habituelle Ungeduld, die kurz gefasst das Gegenbild des ausdauernden Bücherwurms
darstelle. Der netzorientierte Leser "scannt" die Texte, sucht Textbrocken statt
leseaufwändigen Texten, von Textwüsten ganz zu schweigen. Und wie es nicht anders sein
kann, wird diesem selektiven Lesertypus von den Kulturwahrern das
"Verständnis", die tiefe Durchdringung der Texte in ihrem hermeneutischen
Bedeutungsreichtum abgesprochen.
Gleichwohl kann der Leser als schnell laufender "Scanner",
als Über- und Querleser nicht als Bankrotterklärung der Literalität herhalten, weil
Literalität viele Formen jenseits der von Autoren vorgegebenen Textverfassung entwickeln
kann. Die Nichtlinearität der Leserichtung, das sprunghafte Lesen, die Lektüre als
persönliche Montage können gerade aufgeklärte Lesehaltungen anzeigen, die dem Lesen
wieder die Welterfahrung vermitteln, die ohnehin jeder macht: Das Leben ist zuletzt ein
Roman, sondern ein patchwork mit mehr oder weniger gelungenem Muster. Die Erscheinung des
eigensinnigen Lesers findet lange vor sprungfreudigen Netzlektüren ihr Komplement in
weiten Bereichen der (post)modernen "Hochliteratur", die vormalige
Textverfassungen aufsprengte und persönliche Lektüreweisen jenseits linearer
Leserichtungen nahezu unabdingbar machte. Oder wer liest "Finnegan´s Wake" mit
der derselben Ergebenheit in die auktorialen Vorgaben wie etwa "Wilhelm
Meister"?
Nichtlesen verursacht Krebs
Barry Sanders beschließt seinen Diskurs über den Verfall der
Literalität kulturapokalyptisch: Wenn das "tempus futurum" als der Ausblick auf
das Morgen und das Kontrafaktische, beides nach Sanders zentrale Momente der Literalität,
sterben, können die Menschen nicht mehr träumen. Dann würden die seelischen
"Innenräume" zerstört und alles sei verloren. Nun ist die Bilderschrift des
Traums, der nach Freud ja auch erst gelesen werden muss, keine literarische
Errungenschaft, sondern prägte gerade orale Kulturen vermutlich in stärkerem Maße als
unsere durch die Schrift vereinheitlichte Kulturen. Das Kontrafaktische ist zudem eine
menschliche Kondition, die auch jenseits eines engen Begriffs des "Lesens" ihre
Bedeutung behält. Gerade in der Virtualität und ihren kühnen Versprechungen ist das
Kontrafaktische ein Antrieb, der zuletzt auf klassische Lesehaltungen angewiesen wäre,
noch damit zureichend zu verstehen wäre. Ohnehin völlig untauglich ist die Festlegung
eines menschlichen Zeitbewusstseins auf die lineare Kulturtechnik klassischer Lektüren,
ohne die komplexen Zeitbilder von Kino, Fernsehen oder Comics zu berücksichtigen.
Eine elektronische Erlebnisgesellschaft, die Kommunikation zum Fetisch
erklärt hat, wird sich schwerlich damit abfinden, dass "Bücherlesen heißt, in
einer geistreichen Gesellschaft zu sein, wo man nur zuhört und nichts beiträgt zur
Unterhaltung", wie Jean Paul bereits mit kritischem Unterton vor ungefähr
zweihundert Jahren anmerkte (Ideen-Gewimmel, Frankfurt/M 1996, S. 50).
Die Mahner und Warner vor dem Verfall des Literarischen werden indes
jetzt rabiat: der amerikanische Leseforscher Jim Trelease
(http://www.trelease-on-reading.com/bio.html) will die Aliteralität wie Tabak bekämpfen,
weil die schrecklichen Konsequenzen des Nichtlesers für dessen Familie und Kinder
unabsehbar seien. Verursacht Nichtlesen Krebs? Zumindest könnte die Gefahr in jenen
Fällen des "funktionalen" oder "sekundären" Analphabetismus nicht
völlig ausgeschlossen werden, wenn nach Barry Sanders 70 % der Betroffenen zwar
rudimentär lesen und schreiben können, aber gegenüber schwierigeren Texten wie
Zeitungslektüren, Behördennachrichten oder eben Beipackzetteln mit wichtigen
Warnhinweisen versagen.
Der Kommunikationswissenschaftler Philip Thompsen hat dagegen auch auf
den restriktiven Begriff von Literalität hingewiesen, der sich in der Fähigkeit
erschöpfe, Texte zu lesen. Das Lesen ist älter als die Schrift, wie die Rede vom Buch
der Welt/Natur, Buchstaben, der "Lektüre" von außersprachlichen Zeichen in
Tiereingeweiden, den Konstellationen der Gestirne und tausend anderen Zeichen Gottes
belegt. Die von Thompsen angemahnte Verkürzung könnte mindestens so fatal sein wie die
kulturpessimistisch ermittelten Leseschwächen nachwachsender Generationen, die Barry
Sanders Glauben zufolge letztlich in Gewalt und Rücksichtslosigkeit enden werden. Könnte
es also sein, dass der Verfall klassischer Lektürehaltungen mit avancierten
Kulturtechniken einhergeht, die erst ein angemessenes Verhältnis zu den Umbrüchen der
Welt begründen?
Postliterale Welt
So könnte auch das Literarische eine vorüber gehende Episode der
Welterschließung sein, der angemessenere Weisen folgen, in der Welt verstehend zu
handeln. Die Abbildung der Welt im Text hat seit Platon, der an der historischen
Schnittstelle oraler und literaler Kultur steht, viele Widersacher gefunden. Die
symbolische Welt in Schriftzeichen hat immer das Besondere unterschlagen. Hegel etwa
konstatierte in seiner Ästhetik die Unzulänglichkeit des Lesen und Vorlesens
dramatischer Werke, weil der Fantasie das überlassen bleibe, was doch erst die
Inszenierung lebendiger Schauspieler erweisen könnte. Aber das wirft nicht nur
literaturgattungsspezifische Differenzierungen auf, sondern immer schon die Frage, ob das
Lesen als "via regia" des Weltverstehens, so historisch unabdingbar es war,
nicht eben so viel an sinnlichen Erfahrungen geraubt wie an abstrakter Weltsicht geschenkt
hat. Dass Lesen nicht nur bildet, sondern auch verbildet, ist die hartnäckige
Begleitmusik schriftorientierter Gesellschaften, die etwa in Jean-Jacques Rousseaus
Erziehungshinweis kulminiert, dass Lektüre die "Geißel der Kindheit" sei. Auch
dem emanzipierten Ideal des lesenden Untertans begegneten zahlreiche staatstragende
Varianten der Lesefeindlichkeit, um zu vermeiden, dass das Lesen Menschen auf dumme, also
anarchische Gedanken bringt.
Der Groll auf die Lektüre findet ihren frühen Ursprung in Platons
Fundamentalverdikt gegenüber der Schrift in "Phaidros", weil die Schrift nur
ein schwaches Abbild der mündlichen Sprache sei, geeignet, dass Gedächtnis, aber auch
die Deutlichkeit und Vollständigkeit der oralen Vermittlung zu schwächen, auf die doch
Menschen in ihrem Weltverständnis angewiesen seien. Wäre die Kultur dem schreibenden
Schriftkritiker Platon und nicht Gutenberg gefolgt, wären die technischen Speicher der
Bibliotheken und später Datenbanken nicht entstanden, würde man vermutlich heute Platon
nicht mehr kennen, weil auf mündliche Überlieferungen wider alle Gedächtniskunst
zuletzt Verlass ist. So aber könnte man sich für die Entstehung einer postliterarischen
Kultur, für die orale Verständigung unter den Bedingungen einer technologisch
"totalisierten" Welt wieder auf Platon berufen.
Vilém Flusser hat im Verblassen der alphabetischen Kultur den Anhub
einer techno-imaginären Welt erkannt, in dem die technischen Bilder neue
"Begriffe" bedeuten, über deren Verwendung noch wenig bekannt ist (Vgl. Vilém
Flusser, Lob der Oberflächlichkeit, Die kodifizierte Welt, Bensheim und Düsseldorf 1993,
S. 63 ff.). Der Weg führe hinaus aus der linearen Welt der Schrift, des Lesens, der
Theorien und Ideologien zu "Modellen" als Bildern von Begriffen.
Es geht kurzum nicht um die vordergründige Oppositionen von Schrift
und Sprache, Lesen und Sprechen oder Bildern und Schrift, die längst nicht mehr in den
diffusen Zeichenwelten des Netzes gültig sind, sondern um eine neue Begrifflichkeit der
Medialität. Bereits McLuhan hat angesichts des "Elektronengehirns" den
nächsten logischen (sic) Schritt darin gesehen, die Sprachen zu umgehen und auf einen
Zustand der harmonischen "Sprachlosigkeit" zu hoffen (Die magischen Kanäle, S.
99).
Auch wenn McLuhans Hoffnung auf ein
kosmisches Bewusstsein zur Euphorie der ersten Stunde des elektronischen Medienzeitalters
gehört, die inzwischen so ungebrochen nicht mehr die Medientheorie beflügelt, löst sich
jedenfalls die klassische Trias von Sprache, Schrift und Bild im Netzgewebe auf (Vgl. dazu
etwa Mike Sandbothe (http://www.uni-jena.de/ms/teil1.html). Wenn aber die Übergänge
zwischen den Zeichen- und Abbildungssystemen zu fließen beginnen, wird auch das
klassische Lesen, wenngleich es gegenwärtig noch eine zentrale Position einnimmt, als
Kulturtechnik nicht mehr ausreichen. Das Literarische, das einst die oral geprägte
Kultur, von einigen Ethnien abgesehen, liquidierte, könnte sich dann selbst in einer
techno-oralen Kultur auflösen, die sich nicht länger über Texte vermittelt. Noch
benötigen zwar Programmierer Sprachen bzw. Codes, müssen mithin selbst Sprachkompetenz
besitzen, um eine techno-orale Gesellschaft zu ermöglichen, in der reine Anwender von
fremder Literalität abhängen(Vgl. etwa Gerald M. Phillips, A Nightmare Scenario:
Literacy and Technology
(http://www.uni-koeln.de/themen/Internet/cmc/text/phillips.94b.txt). Aber die Entwicklung
des Mensch-Maschine-Gesprächs ist unabsehbar und mag auch den Verlauf nehmen, die
literale Vermittlung völlig aufzuheben.
Vielleicht sind also die Nichtlese-Riesen Noel Gallagher und Zladko auf
dem richtigen Weg in die Zukunft, nur sie wissen es nicht, weil sie dafür
gegenwärtig noch lesen müssten!
Goedart Palm