Ende der neunziger Jahre und zu Beginn des neuen Jahrtausends konnte man noch einigermaßen selbstverständlich von „Literatur im Netz“ oder „Netzliteratur“ sprechen. Das Internet erschien als ein neues Medium, das neben Buch, Zeitschrift und Zeitung trat und deshalb, so lag die Vermutung nahe, auch neue literarische Formen hervorbringen müsse: Hypertexte, kollaborative Schreibprojekte, Textgeneratoren, interaktive Erzählungen, digitale Zeitschriften und allerlei andere Versuche, die sich von der bloßen Übertragung gedruckter Texte auf einen Bildschirm unterscheiden wollten.
Für einige Jahre habe ich diese Entwicklung mit erheblicher Neugier verfolgt. Es entstanden Kontakte zu Autoren, Künstlern, Programmierern und Projekten, die heute vielfach verschwunden oder nur noch in den abgelegenen Sedimentschichten des Internets auffindbar sind. Auf dieser Seite befand sich deshalb ursprünglich eine ausufernde Sammlung von Verweisen auf Literaturprojekte, Netzzeitschriften, Autorenhomepages, Hypertextversuche und digitale Experimente jener Jahre.
Die Liste wurde immer länger. Und irgendwann wurde gerade ihre Länge verdächtig.
Denn je mehr sich das Internet vom besonderen Ort zum selbstverständlichen Kommunikationsraum entwickelte, desto fragwürdiger erschien auch die Vorstellung einer eigens abzugrenzenden „Netzliteratur“. Was sollte das eigentlich sein? Literatur, die im Netz veröffentlicht wurde? Das traf bald auf fast jeden Text zu. Literatur, die technisch nur im Netz existieren konnte? Das engte den Begriff auf bestimmte experimentelle Verfahren ein. Oder eine neue ästhetische Gattung, die das Buch eines Tages ablösen sollte? Auch diese Prognose erfüllte sich nicht.
Schon damals notierte ich etwas apodiktisch, das Thema sei letztlich ein medialer Irrtum. An dieser Einschätzung hat sich wenig geändert, auch wenn ich sie heute anders formulieren würde.
Nicht das Netz wurde Literatur. Vielmehr wurde das Netz zu einem der Räume, in denen Literatur entsteht, zirkuliert, kommentiert, verändert, gespeichert und wieder vergessen wird. Die eigentliche Veränderung lag deshalb weniger in einer neuen literarischen Gattung als in einer neuen Existenzweise von Text. Texte konnten plötzlich miteinander verbunden, jederzeit verändert, kopiert, kommentiert und auf andere Texte bezogen werden. Autor, Leser, Archiv und Öffentlichkeit gerieten in Konstellationen, für die das klassische Modell von Manuskript, Verlag, Buch und Rezensent nur noch teilweise taugte.
Gerade die verschwundenen Projekte jener Jahre erzählen davon inzwischen vielleicht mehr als die erhalten gebliebenen.
Viele der Seiten, auf die meine damalige Linksammlung verwies, existieren nicht mehr. Andere führen heute irgendwohin, nur nicht mehr dorthin, wohin sie einmal führten. Ganze Plattformen sind verschwunden, technische Formate unlesbar geworden, private Homepages aufgegeben und digitale Avantgarden von der nächsten technischen Generation überholt worden.
Das ist keine Besonderheit der Literatur. Es gehört zur eigentümlichen Gedächtnisstruktur des Netzes. Ein Medium, dem man zunächst eine nahezu unbegrenzte Speicherfähigkeit zuschrieb, erwies sich zugleich als außerordentlich vergesslich.
Die frühen Jahre der Netzliteratur bleiben deshalb interessant – weniger als Vorgeschichte einer neuen literarischen Gattung denn als Moment, in dem erstmals sichtbar wurde, dass Digitalisierung nicht einfach einen weiteren Publikationskanal eröffnet. Sie verändert die Bedingungen, unter denen Texte überhaupt vorhanden sind.
Hypertext, Netzliteratur und die zahllosen experimentellen Projekte um das Jahr 2000 erscheinen aus heutiger Sicht manchmal technisch naiv und ästhetisch sonderbar. Manche waren es vermutlich auch. Aber in ihrer Euphorie und ihrem gelegentlichen Größenwahn kündigten sie Fragen an, die keineswegs verschwunden sind.
Wer schreibt? Wer liest? Wem gehört ein Text? Wann ist er abgeschlossen? Was bedeutet Originalität, wenn jedes Zeichen kopierbar ist? Was geschieht mit Autorschaft, wenn Texte miteinander reagieren oder von Maschinen erzeugt werden?
Um das Jahr 2000 stellte man diese Fragen angesichts von Hypertext und Internetforen.
Heute stellen sie sich erneut – unter anderen technischen Bedingungen und mit erheblich größerer Konsequenz.
Die alte Linkliste dieser Seite bleibt deshalb allenfalls noch als digitales Fundstück interessant. Als Verzeichnis ist sie überholt. Als Spur einer kurzen Phase, in der man glaubte, gerade einer neuen Literatur beim Entstehen zuzusehen, hat sie vielleicht noch einen gewissen Wert.
Aus dem Netzarchiv
Die ursprüngliche Fassung dieser Seite entstand um 2000/2001 und versammelte eine umfangreiche Sammlung von Links zu Autoren, Netzliteratur, Hypertextprojekten, digitalen Zeitschriften und literarischen Experimenten jener Jahre.
Viele dieser Seiten sind inzwischen verschwunden, umgezogen oder technisch nicht mehr erreichbar. Die Sammlung wird deshalb nicht mehr als aktuelles Verzeichnis geführt. Gerade in ihrer Vergänglichkeit ist sie jedoch ein kleines Dokument der frühen literarischen Netzkultur.