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| Randbemerkung zur Virtuellen Öffentlichkeit |
Es
ist ein Gemeinplatz, dass das Netz ein Gemeinplatz ist. Auf dem digitalen Jahrmarkt der
Eitelkeiten wird die Selbstentäußerung zum letzten kick der Suche nach sich selbst,
fremde Alltäglichkeit zum aufregendsten Drama einer reizhungrigen Öffentlichkeit.
Inszeniert wird das, was nicht inszeniert werden muss: Das allen Vertraute,
Allzuvertraute. Während zuvor Stadtguerilleros, linksradikale Aufklärer oder Autonome
als hoffnungsfrohe Medienpartisanen davon träumten, Massenmedien mit Piratensendern und
Flugblättern Paroli zu bieten, ihrem Votum mediales Gewicht zu verleihen, agitieren im
globaldemokratischen Dorf keine Politik-Aktivisten, sondern Alltagstypen
"spielen" Alltagstheater. Das Private stülpt sich nach außen, die
Öffentlichkeit trifft sich anonym per mouseclick
in fremden Intimsphären, in der sich Intimät
als gewöhnlichster Exhibitionismus feiert. Webcams demokratisieren sich zum Massenmedium
des kleinen Mannes und seiner Frau, die nichts zu sagen, aber fast alles zu zeigen haben.
Eröffneten vormals Schlüssellöcher die
verpönte Perspektive in fremde Intimitäten, regiert jetzt das digitale Panoptikum eines
ungezügelten Voyeurismus. In der Anonymität des Netzes menschelt es, auch wenn letztlich
nur eine einsame Masse zugeschaltet wird, die in der sanften Tyrannei der Intimität
öffentliches Leben sucht. Wird diese privatisierte res publica zum neuen Profil einer
politischen Kultur virtueller Berührung? Politiker, die sich als Figuren zum Anfassen
gerieren, müssten in diesem Strukturwandel der Öffentlichkeit Anregungen finden: Der
Kanzler gibt Presseerklärungen vor heimischem Kaminfeuer, während die Kinder durchs Bild
laufen. Vielleicht gar ein Außenminister, der in der Badewanne sitzend politische
Kurskorrekturen nachvollziehbarer macht. Lang vorbei die Zeiten, als ein außerdienstlich
getragenes Babydoll-Hemd 1965 zur fristlosen Kündigung der ZDF-Ansagerin Edelgard
Stössel ausreichte. Wird schon bald das Private zum Echtheitssiegel öffentlicher
Authentizität und eine Kultur aufdringlicher
Intimität zur neuen Moral einer pluralistischen Demokratie?
Goedart
Palm
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