Medien

Jodorowsky

Texte über Medien, Technik und Wirklichkeit.

Delirantes Ritual

Die unbescheidene Imagination

Jodorowskys Kino kennt keine Diät. Es will Religion, Zirkus, Western, Tarot, Körperkunst, Grausamkeit und Erlösung in einem einzigen Bild unterbringen – vorzugsweise gleichzeitig. Wo andere Regisseure einen Gedanken inszenieren, baut Jodorowsky ihm einen Altar, setzt ihn in Brand und lässt eine Prozession daran vorbeiziehen.

Diese Überfülle ist keine bloße Exzentrik. Sie macht Kino zum Ritual: Bilder sollen nicht illustrieren, sondern verwandeln. In El Topo wird der Western so lange mit Mystik und Gewalt übercodiert, bis das Genre seine vertraute Richtung verliert. Montana Sacra behandelt spirituelle Suche als groteskes Ausstattungsproblem. Jede Erkenntnis benötigt ein Kostüm, jede Allegorie einen Körper.

Der Kitsch gehört notwendig dazu. Er ist die riskante Stelle, an der das Erhabene seine Selbstkontrolle verliert. Jodorowskys Bilder können zugleich eindringlich und albern, grausam und süß sein. Gerade diese schlechte Gesellschaft bewahrt sie vor der korrekten Museumsspiritualität. Camp und Metaphysik trinken aus demselben Kelch.

Doch Imagination ist nicht automatisch Freiheit. Sobald sie sich an Tarot, Psychomagie oder ein festes Symbolvokabular bindet, droht der delirante Reichtum zur Geheimlehre zu erstarren. Das alte Notat erkennt diesen Widerspruch sehr genau: Die Bilder sprießen in alle Richtungen und suchen zugleich nach einem System, das ihnen Bedeutung garantiert.

Interessant ist deshalb auch das Scheitern. The Rainbow Thief zeigt, wie schnell Überfülle banal werden kann, wenn die Bilder nur noch Ausstattung einer fremd bestimmten Erzählung sind. Santa Sangre erreicht dagegen wieder jenen Hysteriegrad, in dem Ritual, Körper und Groteske nicht dekoriert, sondern denken. Jodorowskys Kino ist am stärksten, wenn es seiner eigenen Spiritualität nicht ganz glaubt.

Historisches Notat – vollständig erhalten

Alejandro Jodorowsky

Rechtzeitig zum Geburtstag kam die Jodorowsky-Box, dreißig Jahre musste ich warten: El Topo - Der Überwestern, überbietet  den Manierismus des Italo-Western. Montana Sacra - die ewige Suche nach dem Stein des Weisen, trotz einiger Albernheiten ein großartiger Entwurf mit eindringlichen Bildern.  Wenn man Alexandro Jodorowsky im Interview sieht, erkennt man sofort das satirische Element, dass seinen Hang zu metaphysischen Exzessen selten suspekt werden lässt.  Warum macht dieser Mann keine Filme mehr, die Comics sind doch kein Ersatz. 

"I have a monstrous imagination. I am like a monster, more than Dali, more than Salvador Dali. I have an enormous imagination and all my life I was like that. It is something I do naturally." Aus einen Interview mit Daniel Robert Epstein im Jahre 2006. Jodorowsky hat zwei Filme gemacht, die seinen Ruhm begründen: "El Topo" und "Montana Sacra". In beiden Filmen demonstriert Jodorowsky Leidenschaften, die bizarr in viele Richtungen sprießen. Das Signum des Regisseurs ist die Vermählung von Monstrositäten und bedenkenlosem Kitsch. Der Kitsch schmerzt nun doppelt, weil seine Süße und der Gewaltschauder erst zeigen, was Perversion genannt werden darf. 

Psicomagia y Psicochmanismo? Imagination ist schön, aber wann ist das mehr als eine frei schwebende Fantasie? Tarot-Kartenlegen ist so offensichtlicher Unfug, dass nur der Glaube an die Pataphysik über diese Armut hinwegtragen mag. Die Imagination hat hier wie bei anderen Formen des Symbolgebrauchs Angst vor sich selbst und bindet sich an eine restriktive Sprache. 

"The Rainbow Thief" ist misslungen. Ob das die Schuld von Jodorowsky ist oder ausschließlich den diktatorischen Bedingungen des Produzenten geschuldet ist, der eine - wohl uninspirierte - Erzählung seiner Frau verfilmen ließ, ist nicht zu entscheiden. Zahlreiche Bilder, und das wäre der Hauptvorwurf, sind banal. Nicht zu Ende komponiert, einfallslos. Die weltberühmten Schauspieler retten diesmal nichts ...Wer eine Fortsetzung des "alten" Jodorowsky sucht, sieht sich "Santa Sangre" an, der jenen überhitzten Hysteriegrad der beiden Hauptwerke erreicht. 

© Goedart Palm