Medien

Das Buch der Medien

Medien transportieren nicht nur Inhalte. Sie organisieren, was sichtbar, erinnerbar und moralisch relevant wird.

Ein Medium zeigt etwas und lässt anderes verschwinden. Schon diese einfache Operation ist nicht neutral. Jede Aufnahme setzt einen Ausschnitt, jede Übertragung erzeugt Nähe, jede Wiederholung befestigt Erinnerung. Medien liefern deshalb nicht bloß Botschaften. Sie verteilen Wahrnehmung.

Die Bilder dieser Seite wirken zunächst wie Fundstücke ohne gemeinsame Ordnung: ein Denkmal, eine Telefonzelle, eine Kamera, die wie eine Waffe montiert ist, schließlich ein türkisfarbenes Auto. Gerade diese Verschiedenheit ist ihr Zusammenhang. Sie zeigt, wie mediale Aufmerksamkeit arbeitet. Ein Gegenstand tritt hervor, weil er gerahmt, benannt und in eine Folge aufgenommen wird. Relevanz ist nicht einfach vorhanden. Sie wird hergestellt.

Denkmal für Allan Kardec mit der Inschrift Fondateur de la philosophie spirite
Das Buch der Medien · Allan Kardec

Das Medium als Auswahl

Ein Denkmal ist bereits ein Medium. Es entscheidet, wessen Gesicht dauerhaft in den öffentlichen Raum tritt und welche Worte an einen Namen gebunden werden. Die Fotografie dieses Denkmals wiederholt die Entscheidung, verändert aber ihre Reichweite. Was an einen Ort gebunden war, wird transportabel. Stein und Bronze werden Bild; das Bild kann in neue Zusammenhänge eintreten.

Damit beginnt die eigentliche Macht der Medien: nicht bei der Erfindung von Inhalten, sondern bei ihrer Auswahl und Beweglichkeit. Was oft erscheint, gewinnt den Anschein von Bedeutung. Was nicht erscheint, verliert nicht nur Sichtbarkeit, sondern häufig auch moralisches Gewicht. Zwischen Ereignis und Aufmerksamkeit liegt kein leerer Kanal. Dort wird geordnet.

Telefonanlage in Mailand mit der Bildaufschrift Medien Alltag
Neulich in Milano

Alltag der Übertragung

Die Telefonanlage in Mailand trägt die Worte „Medien“ und „Alltag“ bereits im Bild. Das ist keine abstrakte Theorie, sondern eine präzise Ortsbestimmung. Medien werden wirksam, wenn ihre Vermittlung selbstverständlich wird. Solange eine Technik neu ist, tritt sie als Apparat hervor. Sobald sie den Alltag organisiert, verschwindet sie hinter den Handlungen, die sie ermöglicht.

Diese Unsichtbarkeit ist folgenreich. Wir bemerken den Inhalt, aber selten die Auswahlbedingungen; die Nachricht, aber nicht den Rhythmus ihrer Wiederkehr; das Bild, aber nicht die Perspektive, die es ausgeschlossen hat. Medienkompetenz wäre dann weniger die Fähigkeit, Geräte zu bedienen, als die Aufmerksamkeit für die Ordnung, die jedes Gerät mitliefert.

Kamera mit langem Teleobjektiv auf einem pistolenartigen Griff
Im "Zenit" der Macht - eine alte Liaison

Kamera und Zugriff

Die Verbindung von Kamera und Waffe ist hier keine bloße Metapher. Das Bild baut sie als Gegenstand. Objektiv und Lauf, Zielen und Aufnehmen, Distanz und Zugriff werden in eine einzige Form gebracht. Die Kamera verletzt nicht auf dieselbe Weise wie eine Waffe. Aber sie kann Menschen fixieren, aus Zusammenhängen lösen und einer Betrachtung aussetzen, über deren Bedingungen sie nicht verfügen.

Das macht jede Aufnahme zu einer kleinen Entscheidung über Macht: Wer sieht? Wer wird gesehen? Was bleibt außerhalb des Bildes? Die moralische Frage beginnt nicht erst bei einem skandalösen Inhalt. Sie beginnt beim Ausschnitt.

Historischer Ausgangstext: Die kleinen Freuden der Medienethik

Medienethik ist ein Tummelplatz für Medientheoretiker mit viel Zeit und überschaubaren Ideen. Dabei ist es die größte Suggestion zu glauben, eine Disziplin dieser Art hätte irgendwelche praktischen Effekte. Ohnehin ist ja die Begrifflichkeit der praktischen Philosophie eine Prätention. Längst gibt es genügend Maximen, die aber viel zu allgemein sind, schlecht verkoppelt mit juristischen und ökonomischen Maßgaben und blass in ihrer "Anwendung'" auf medial-technische Voraussetzungen bleiben. So sind dann vor allem Kongresse, Symposien und Papers das übliche Geschäft der Medienethik, die ohnehin den inneren Kreis nicht überwindet. Vielleicht wäre es gut, einen Lehrstuhl für kreative Medienethik zu schaffen, was aber - das befürchten wir - auf seine paradoxe Selbstabschaffung hinauslaufen könnte.

Goedart Palm

Ethik ohne Außen

Die Polemik trifft einen wunden Punkt: Medienethik bleibt wirkungslos, wenn sie allgemeine Maximen auf Apparate klebt, deren konkrete Auswahlmechanismen sie nicht untersucht. Zwischen dem Satz, man solle verantwortungsvoll berichten, und der tatsächlichen Entscheidung über Bild, Zeitpunkt, Wiederholung und Reichweite liegt die ganze technische und ökonomische Organisation des Mediums.

Darum genügt es nicht, Inhalte nachträglich moralisch zu bewerten. Die Form ihrer Sichtbarkeit muss selbst zum Gegenstand werden. Ein Ereignis, das ständig wiederholt wird, erhält eine andere Wirklichkeit als eines, das nur einmal erwähnt wird. Ein Gesicht in Nahaufnahme erzeugt eine andere Bindung als eine Zahl. Ein Bild, das verfügbar ist, verdrängt womöglich das wichtigere Bild, das fehlt.

Kreative Medienethik müsste dort beginnen, wo Routinen ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Sie müsste nicht noch eine Maxime erfinden, sondern andere Schnitte, Reihenfolgen und Formen der Aufmerksamkeit erproben. Ihre praktische Frage wäre nicht nur: Was dürfen wir zeigen? Sondern auch: Welche Wirklichkeit erzeugt die Art, wie wir zeigen?

Türkisfarbenes älteres Auto auf einer Straße in Kuba
Auto türkis
(Begegnung in Kuba - Copyright Konrad Palm)

Das Randbild

Das türkisfarbene Auto scheint aus der Argumentation herauszufallen. Gerade deshalb gehört es hierher. Nicht jedes Bild muss Beweis sein. Manche Aufnahmen bewahren eine Begegnung, eine Farbe, einen kurzen Überschuss an Gegenwart. Medien organisieren Gedächtnis nicht nur durch große Ereignisse, sondern ebenso durch solche scheinbar nebensächlichen Fixierungen.

Die moralische Relevanz eines Bildes ist nicht immer an seinem Pathos erkennbar. Manchmal besteht seine Aufgabe darin, etwas vor dem Verschwinden zu bewahren, ohne schon zu wissen, wofür es später stehen wird.