Wahrnehmung und Gewaltkompetenz
Rambo – der Körper, der alles sieht
Rambos entscheidende Superkraft ist nicht Muskelmasse, sondern Wahrnehmung. Er liest Wald, Geräusch, Bewegung und Gefahr schneller als seine Gegner. Die Kleinstadtpolizei sieht einen verwahrlosten Fremden; Rambo sieht Gelände, Deckung, Fluchtwege und Feinde. Der Konflikt beginnt als Zusammenstoß zweier Bildordnungen.
Sein Körper ist ein militärisches Archiv. Vietnam liegt nicht hinter ihm, sondern in seinen Reaktionen. Trauma bedeutet hier keine Erinnerung, die erzählt werden könnte, sondern eine Wahrnehmungsform, die jede Gegenwart auf alte Gefahren abtastet. Was die friedliche Gesellschaft für Ordnung hält, erscheint ihm als schlecht getarnte Feindstellung.
Der Film organisiert daraus ein grausames Privileg. Rambo sieht alles, während die anderen ihn zu spät sehen. Seine Gewaltkompetenz verwandelt Verfolgung in Choreografie und Demütigung in Souveränität. Doch diese Souveränität ist die Form seiner Beschädigung. Er kann in der Wildnis überleben, weil er aus dem Krieg nie zurückgekehrt ist.
Politisch wird daraus ein Mythos der nachträglichen Unbesiegbarkeit. Die verlorene Geschichte wird am einzelnen Körper korrigiert: Amerika mag den Krieg verloren haben, aber sein perfekter Soldat verliert keinen Kampf. Der Wald von British Columbia darf wieder Vietnam werden, die Cops dürfen „Charlie“ spielen, und das Kino liefert die Wiederaufführung, in der taktische Sichtbarkeit moralische Rechtfertigung ersetzt.
Das alte Notat nennt Wahrnehmung Täuschung. Genau darin liegt der Kern: Rambo irrt nicht trotz seiner Genauigkeit, sondern durch sie. Er erkennt jede Gefahr und verfehlt die Gesellschaft. Sein Körper sieht alles, außer einer Welt, in der er nicht mehr kämpfen müsste.
Historisches Notat – vollständig erhalten
Rambo gegen den Terror friedlicher Gesellschaften
"Ich hätte alle töten können. Ich könnte auch dich töten. In der Stadt hast du die Macht, nicht hier. Geh nicht weiter. Hör auf oder du hast einen Krieg, den du nie begreifen wirst! Lass uns aufhören. Lass es sein!"
Rambo verwechselt die Konditionen, zu denen in verschiedenen Gesellschaften mit verschiedener Währung gespielt wird. Rambo will es allen mit gleicher Münze heimzahlen. Das führt zwangsläufig zu "Verhaltensauffälligkeiten". Rambo akzeptiert nicht, dass die alten Helden von Vietnam die neuen Penner von Amerika sind. Das Vietnam-Szenario mit den guten „Kumpels“ ist so tief in seine traumatische Struktur eingebrannt, dass die Enttäuschung nun „Amerika“ selbst ist. Amerika feiert nicht seine Söhne, sondern stellt sie zurück an den Platz, wo sie hingehören. Das ist für Helden nicht verkraftbar. Rambo reklamiert Ruhm und Ehre. Um das unter Beweis zu stellen, kommt es zu einer Wiederaufführung Vietnams. Amerika wird in Vietnam verwandelt. Zivilisten? Nein, die kennt er auch nicht, es gibt keine harmlosen Zivilisten: Remilitarisierte Zone. Alles brennt so wie damals. Der Geruch von Napalm durchweht zwar nicht die kalten Wälder (im Film in British Columbia, doch es ist natürlich ein bodenständiges amerikanisches Mentalitätsgelände: Erewhon), doch sonst ist es wie damals. Das Paradox, dass die potentiellen Mitstreiter von damals nun „Charlie sind“, stört nicht mehr, wenn die Waffen sprechen und die Inszenierungsvorteile die Wirklichkeit übertreffen. Ohne Wahrnehmungstäuschungen ist Wirklichkeit nicht zu ertragen, ja mehr: Wahrnehmung ist Täuschung. Ein „arbiter elegantiarium“, Rambos vormaliger Colonel, läuft herum und erläutert den tumb agierenden Kleinstadt-Faschos die unerreichte Klasse Rambos und bedauert seine zahllosen Gegner, die chancenlos bleiben. Es geht um eine Entzweiung der Wahrnehmung, die Rambo verweigert, wobei ihm praktisch die gesamte Inszenierungslast, von einigen mittelprächtig widerlichen Cops abgesehen, aufgebürdet wird.
Goedart Palm